Gentechnisch veränderte Organismen und Versicherung
In ein Interview spricht Johannes Klose, wissenschaftlicher Berater der Allianz Global Corporate & Specialty, über Risiken und Chancen von gentechnisch veränderte Organismen.
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Johannes Klose: "Wir haben viel über die Risiken und Auswirkungen gelernt"
Gentechnisch veränderte Organismen (GVO) sind umstritten. Wie geht ein Versicherer mit diesem Thema um?
Johannes Klose: Es stimmt, bei den Nahrungsmitteln macht die Genetik Schlagzeilen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass das nur ein Teilbereich der Gentechnik ist. Sie beeinflusst auch viele andere Bereiche unseres täglichen Lebens: die Herstellung neuer Medikamente, Gentests, Gentherapie, die Stammzellenforschung, gentechnisch erzeugte Enzyme.
Vor zehn Jahren wurden diese Technologien in der Versicherungsbranche heftig diskutiert. Heute sind viele von ihnen normal geworden. Wir haben viel über die Risiken und Auswirkungen gelernt. Es wurden auch Vorschriften entwickelt. Die Gentechnik in der Landwirtschaft sorgt jedoch noch immer für viele Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen, besonders in Europa.
Was macht GVO so umstritten?
Das kommt darauf an, wo Sie hinschauen. In den USA beispielsweise scheinen sich die meisten Menschen wenig Gedanken um GVO zu machen. Das liegt größtenteils an der behördlichen Auffassung von der 'substanziellen Äquivalenz'. Das bedeutet, dass Gentechnik in der Landwirtschaft im Allgemeinen als sicher angesehen wird und deshalb in den USA keiner Kennzeichnungspflicht unterliegt.
Die Menschen in den USA wissen für gewöhnlich nicht, was sie kaufen, und das könnte ein Grund sein, warum sie auch nicht besonders darauf achten. Fragt man sie aber nach ihren Präferenzen, gentechnisch veränderte Organismen ja oder nein, gibt die Mehrheit an, sie wolle keine genetisch veränderten Nahrungsmittel. Diese Antwort kann aber davon abhängen, wie die Frage gestellt wird. Generell ist die Einstellung gegenüber neuen Technologien in den USA positiver als in Europa.
In Europa wollen die meisten Verbraucher und viele Nichtregierungsorganisationen keine genetisch veränderten Kulturpflanzen. Und es ist offensichtlich, warum. Sie können den Unterschied nicht sehen oder fühlen, Sie können ihn nicht schmecken und wenn es keine Kennzeichnung gäbe, wüsste niemand, dass es sich um GVO handelt. Das ist vermutlich das größte Problem. Die Verbraucher können die Vorteile gentechnischer veränderter Produkte nicht ohne Weiteres erfassen, aber sie erkennen die potentiellen Risiken.
Welche Risiken sind das?
Die meisten Menschen machen sich Sorgen wegen der Kontaminierung. GVO können sich mit herkömmlichen, gentechnisch nicht veränderten Pflanzen vermischen und einige Gene auf sie übertragen. Grundsätzlich haben gentechnisch veränderte Pflanzen immer ein zusätzliches Stück DNA. Es kann ein neues Protein herstellen, das die Pflanze gegen ein Herbizid resistent macht. Aber das Protein kann auch Vergiftungen hervorrufen oder Allergien auslösen.
So etwas kann man testen, doch es ist nahezu unmöglich, die langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen und auf die Umwelt zu testen. Das müsste über Jahrzehnte hinweg untersucht werden, aber das geht auch nicht, weil man die Menschen damit einem Risiko aussetzen würde. Es ist eine Zwickmühle.
Das hat bei Versicherern bereits zu Verlusten geführt. Es gab zum Beispiel eine gentechnisch veränderte Maissorte, die nur zur industriellen Verwertung zugelassen war. Doch eine Gruppe von Verbraucherschützern entdeckte Spuren dieses genveränderten Mais' in Tortillas, die in einem Supermarkt verkauft wurden. Der Hersteller musste dann alles zurückrufen und das kostet eine Menge Geld.
Wie kann man Kontaminierung verhindern?
Es ist praktisch unmöglich, GVO- und nicht-GVO-Anbau 100-prozentig voneinander zu trennen. Das beginnt schon bei den Samen. Auch wenn sie nur sehr, sehr kleine Spuren von genetisch veränderter DNA enthalten, werden die Ernten betroffen sein. Außerdem ist es für Bienen und Pollen leicht, 660 Fuß (rund 200 Meter) zu überwinden. Das ist häufig die Distanz, die GVO- und nicht-GVO-Felder voneinander trennt.
Deshalb gibt es in der EU einen Schwellenwert. Enthält ein nicht-GVO Produkt weniger als 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Organismen, muss es in der EU nicht als GVO gekennzeichnet werden. Aber wenn Sie jemanden gegen die versehentliche Überschreitung dieses Schwellenwertes versichern, schaffen Sie ein subjektives Risiko, einen Anreiz, nicht sorgfältig zu sein.
In den USA müssen genveränderte Nahrungsmittel nicht gekennzeichnet werden. Dennoch gibt es in den USA und in Europa viele Initiativen, die Kennzeichen für GVO-freie Lebensmittel einführen wollen. Der Wert der Kennzeichnung hängt offensichtlich davon ab, wie Sie 'GVO-frei' definieren.
Aber soweit wir das heute wissen, stellen die in der EU für den Gebrauch in der Landwirtschaft zugelassenen GVO höchstwahrscheinlich kein kurzfristiges Gesundheitsrisiko dar. Die Frage nach den langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch und Tier kann erst in vielen Jahren definitiv beantwortet werden.
Welchen Nutzen können GVO in der Landwirtschaft bieten?
Das kommt darauf an, wen wir betrachten. Für Unternehmen, die Saatgut liefern, besteht der Nutzen darin, dass sie ein neues Produkt verkaufen und innovative Lösungen für Probleme in der Landwirtschaft anbieten können, beispielsweise Dürren oder Krankheiten. Die Anbauer profitieren durch die steigende Produktivität und Qualität, vielleicht auch durch weniger Bedarf an Herbiziden.
Doch entlang der Wertschöpfungskette für Nahrungsmittel lässt der Nutzen nach. Einzelhändler oder weiterverarbeitende Betriebe haben vermutlich keine Vorteile, wenn sie GVO-haltige statt GVO-freier Ware führen. Auf der Konsumentenebene ist es sehr schwer, einen Nutzen zu erkennen.
Wie schätzen Sie die Entwicklung von GVO in der Landwirtschaft ein?
Nun, es sieht so aus, als ob Amerika und Europa sich weiter voneinander entfernen als je zuvor. In Europa ist die einzige genveränderte Maissorte, die es auf dem Markt gibt, weitgehend verboten und es gibt immer mehr GVO-freie Regionen. Italien hat den Anbau sämtlicher genveränderter Saaten verboten und Österreich war eines der ersten europäischen Länder, das sich zur GVO-freien Zone erklärt hat.
Amerika, Indien und China sind weltweit bereits die größten Produzenten von GVO. Und das wird sich noch verstärken, wenn der gegenwärtige Trend anhält. Noch immer müssen bestimmte Punkte geregelt werden, wie die grenzüberschreitende Verbreitung lebender genveränderter Organismen sowie Vorschriften für die Haftung und Regress bei potentiellen Schäden. Im Rahmen des Cartagena-Protokolls für biologische Sicherheit und bei darauffolgenden Meetings gab es Fortschritte. Aber im Hinblick auf Risikoanalyse, Überwachung und Informationsaustausch bleibt immer noch viel zu tun.
Quelle: Pressemeldung Allianz
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